Havarien und andere Katastrophen

 

              

 

Auch davon blieb die DDSG nicht verschont. Aufgerechnet auf Jahrhunderte waren eigentlich nur bei zwei Schiffsunglücken Menschenleben zu beklagen. Wobei das Unglück bei der Reichsbrücke wohl als das Schwerste zu bezeichnen ist. Trotzdem kann man dazu bemerken, dass Donaureisen mit der Gesellschaft als sehr sicher und ruhig zu bezeichnen waren, bzw. immer noch sind.

 

 

 

Am 10. April 1917 kollidierte  unterhalb Budapests das Linienschiff  DFS "Zrinyi", das im Linienverkehr  zwischen Budapest und Semlin eingesetzt war, kurz vor Mitternacht mit dem unbeleuchtet fahrenden Schraubenschlepper "Viktoria", der Franzens- Kanal - AG und sank teilweise. Dabei fanden 163 Menschen den Tod. Die "Zrinyi" konnte gehoben werden, und unter dem neuen Namen "Osijek" wieder in den Dienst gestellt werden.

 

 

                                                                                   

                                                                   Dampffahrgastschiff "ZRINYI" havariert mit "Viktoria".

                                                                                          

 

Am Mittwoch, dem 11. April 1917 berichtete die "Wiener Allgemeine Zeitung" von dem Unglück:

 

                                                        Der Schiffszusammenstoß auf der Donau.

Der "Zriny" wurde ungefähr um die Mitte Schiffsrumpfes durch einen schweren Stoß getroffen, so daß das Heck des Dampfers innerhalb zwei Minuten untertauchte. Die P a s s a g i e r e  der e r s t e n  Klasse konnten g e r e t t e t  werden, jene der z w e i t e n  Klasse wurden nur zum Teil der Gefahr entzogen. D i e Z a h l der T o d e s o p f e r  d ü r f t e  g e g e n  50 b e t r a g e n. Der Dampfer "W i l h e l m II", welcher sich zufällig in der Nähe befand, k o n n t e  368 g e r e t t e t e  P a s s a g i e r e  a u f n e h m e n  u n d h e u t e  m o r g e n s i n B u d a p e s t  a n l e g e n.

Von anderer Seite wird über das Schiffsunglück gemeldet: Der K a p i t ä n  des Dampfers "Zriny" Mario M a r i n i konnte gerettet werden. An Bord des "Zriny" mochten gegen 650 Passagiere gewesen sein. Der "Zriny" befand sich auf einer Talfahrt, als ein Schleppdampfer im nächtlichen Dunkel mit ihm zusammenstieß. Es schien, als hätte der S c h l e p p e r  dem Personendampfer irgendwie v o r f a h r e n  w o l l e n. Wie der Kapitän des "Zriny" die Katastrophe bemerkte, lenkte er das Schiff derart, daß es s t r a n d e n  mußte. Der Dampfer fuhr auf eine S a n d b a n k  auf, das Heck tauchte unter Wasser, während der Vorderteil hervorsah. Kaum einige Minuten nach dem Zusammenstoß stürzten Wassermassen auf Deck, die die Kajüten der zweiten Klasse überschwemmten. In den Kajüten s c h l i e f e n  die  P a s s a g i e r e  bereits, die Männer konnten sich noch rechtzeitig r e t t e n, F r a u e n  u n d  K i n d e r mußten e r t r i n k e n.

Die Z a h l   d e r  G e r e t t e t e n  b e t r ä g t   n a c h  d e r  l e t z t e n  S c h ä t z u n g  635. A n  B o r d  b e f a n d e n  s i c h 750.

Herr Generaldirektor C s a t a r y  teilt uns zu der Katastrophe folgendes mit: Dies Unglück ist das erste seit Bestand der Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft, dem Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Das andere Schiff gehörte der Franzenskanal-A. G. an. Der Kapitän der "Zriny" war seit 37 Jahren im Dienste, ohne jemals einen Anstand gehabt zu haben. Die Schätzung der Todesopfer auf 60 bis 80 halte ich  f ü r   z u   h o c h, da der Schlafsaal der zweiten Klasse weit weniger Personen faßt. Zur genaueren Untersuchung hat sich Direktor Csupan nach Budapest begeben.

 

 

 

 

 

Fast ein Jahr später ereignete sich eine weitere Katastrophe auf der Donau. Am 07. April 1918 stieß der, im Kurs Mohacs- Budapest eingesetzte Dampfer "Drina" kurz vor Mitternacht, mit der die Linie Budapest - Semlin befahrenden "Sophie" zusammen. Nach offiziellen Angaben fanden 62 Menschen den Tod, in Wahrheit aber eher mehr.  In diesem Fall war die DDSG für die Havarie voll verantwortlich, so dass größere Summen als Schadensersatz und für Hinterbliebenenrenten ausgelegt werden mussten.

So meldete im April  die "Wiener Sonntags- Zeitung" unter "Tagesneuigkeiten auch das Schiffsunglück auf der Unteren Donau.

 

                                                                 Gestrandeter Donaudampfer

 

Budapest, 7. April. Das Ungarische Telegraphen- Korrespondenz- Bureau meldet: Wie wir von der Direktion der Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft erfahren, ist heute früh der Dampfer "Drina" bei Tas infolge niedrigen Wasserstandes in der Nähe des Ufers auf den Strand geraten, wobei er mit dem Passagierdampfer "Sophie" zusammenstieß. Es sind keine Menschen ums Leben gekommen. Die Direktion der Gesellschaft hat Maßnahmen getroffen, damit zur Weiterbeförderung der Passagiereund zur Flottmachung der beiden Dampfer sofort Hilfsschiffe an Ort und Stelle abgegeben. Die Untersuchung ist im Gange.

Die DDSG gibt weiters bekannt, daß ein Hilfsschiff mit Ärzten und außerdem der Passagierdampfer "Drau" an Ort und Stelle gebe, um die Passagiere des Dampfers "Drina" aufzunehmen. Nach den bisher eingelaufenen Meldungen wurden von 14 Personen ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Etwa 20 Reisende erster und dritter Klasse von dem Dampfer "Drina", auf dem sich insgesamt 860 Passagiere befanden, fehlen. Sämtliche Passagiere des Dampfers "Sophie" sind unversehrt geblieben und haben ihre Reise mit dem Dampfer "Drau" fortgesetzt. Die Passagiere des Dampfers "Drina" wurden mit dem Dampfer "Schönbrunn" nach Budapest gebracht.

                                            Untersuchung gegen die Donau- Dampfschiffahrts - Gesellschaft.

Handelsminister S e r e n y, der in Abbazin  auf Erholung weilt, hat eine U n t e r s u c h u n g gegen die DDSG a n g e o r d n e t. Eine Kommission des Handelsministeriums hat sich an die Unfallstelle begeben. Der Kapitän der Ungarischen Fluß - und Seeschiffahrts - Gesellschaft Csebl erklärte, daß bei den alten Dampfern der Steuermann vom Kapitän soweit e n t f e r n t  ist, daß beide sich bei windigem Wetter k a u m   v e r s t ä n d i g e n  können. Die Reparatur der "Drina" hätte nicht mehr als 3000 Kronen gekostet. Der S t e u e r m a n n  der "Drina" wurde von der Polizei verhaftet. Generaldirektor Cs a t a r y  hat sich an die U n f a l l s t e l l e  begeben. 

Und auch die "Wiener Allgemeine Zeitung" berichtete über das Schiffsunglück:

                                                Das Schiffsunglück auf der Donau bei Budapest.

Heute früh sind 60 Kilometer unterhalb Budapests bei T a ß, bei der Einmündung des Sorotfarer Armes in den Hauptarm der Donau, zwei Dampfer der Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft, die bergwärts gefahrene "D r i n a " und die talwärts gefahrene "S o p h i a" gegeneinander gefahren und zusammengestoßen. Die Zahl der O p f e r  ist zur Stunde noch nicht festgestellt; man v e r m i ß t  u n g e f ä h r  50 P e r s o n e n  und die Zahl der Schwer- und Leichtverletzten wird auf 14 beziffert. Die eigentliche Ursache des mit großer Kraft erfolgten Zusammenstoßes der "D r i n a ", die hiebei ein großes Leck erlitt, mit der " S o p h i a " ist bisher no c h t   n i c h t  m i t  S i c h e r h e i t  f e s t g e s t e l l t  - man glaubt, die Katastrophe mit einem f a l s c h e n  S t e u e r m a n ö v e r  des Steuermanns der "Drina" erklären zu müssen.

Viele Passagiere stürzten sich ins Wasser und suchten schwimmend das Ufer zu erreichen. Ein sehr erheblicher Teil derselben dürfte jedoch dabei ertrunken sein. Die Rettung der Passagiere der zweiten und dritten Klasse ist nach den bisherigen Berichten nicht gelungen. Das Wasser schwoll in den Schlafsälen dieser Klassen rapid an. T r o t z d e m  d i e  V o r s c h r i f t e n, die nach der Katastrophe des "Zriny" erlassen worden waren, diesmal e i n g e h a l t e n  worden sind, erwiesen sich die A u s g ä n g e  a u s  d e n  S c h l a f r ä u m e n  u n z u l ä n g l i c h. Auf den Treppen, die zum Deck führten, sind wahrscheinlich zahlreiche Personen erdrückt worden.

                                                Das Unglück durch den Steuermann der "Drina" verschuldet.

In den späten Vormittagstunden veröffentlichte die Direktion der DDSG ein Koumunique aus dem vervorgeht:

Die Untersuchung hat ergeben, daß es sich um eine vollkommen unverständliche sträfliche Unterlassung seitens des Steuermannes der "Drina" handelt, der den üblichen Weg verlassen hatte und auf diese Weise sich mit dem anderen Schiff kreuzte, und den Zusammenstoß herbeiführte. Dieses Vergehen läßt sich nicht anders als durch eine G e i s t e s s t ö r u n g  erklären.

Heute vormittags hat sich eine behördliche Kommission nach dem Schauplatz der Katastrophe begeben. Der schuldtragende Steuermann M a d a c s  steht seit 20 Jahren in den Diensten der Gesellschaft und hat sich als ein e r n s t e r  p f l i c h t b e w u ß t e r  M a n n  b e w ä h r t, d e r n i e  e i n e  S t r a f e  h a t t e.

Nach der finanziellen Rekonstruktion Mitte der dreißiger Jahre benützte die Geschäftsleitung der DDSG diesen Vorfall, um den Abschluss einer Passagierhaftpflichtversicherung zu rechtfertigen.

Auch in diesem Fall konnten beide Schiffe wieder in den Dienst gestellt werden. Die "Drina" wurde 1928 kassiert, die 1938 in "Melk" umbenannte "Sophie" endgültig erst 1955. Die letzten Jahre hatte sie als Wohnschiff in Korneuburg gedient.

                                                           

                     So sah die damalige Havarie aus. Am zweiten Bild sind beide Schiffe gut zu erkennen.

 

 

 

 

                                         

                                                                           

                                                   So erschien "Das Kleine Blatt" am Dienstag, dem 6. Juni 1933 mit dem folgenden Aufmacher:

                                

                                                                               

                                     Auf Seite 2 wurde über das Unglück detailliert berichtet. Es wird hier aus der Originalausgabe zitiert:

 

                                                 Loderndes Flammenmeer unter der Reichsbrücke.

                                     Der Tausendpassagierdampfer "Franz Schubert" wird zur verkohlten Brandruine.

Gestern zeitig früh hat sich auf dem Donaustrom, unweit der Reichsbrücke, ein g r a u e n h a f t e s U n g l ü c k abgespielt, wie es in der Geschichte der österreichischen Binnenschiffahrt bisher nicht vorgekommen ist. Einer der schönsten Eildampfer, der tausend Passagiere fassende "Franz Schubert" ist das Opfer einer schrecklichen B r a n d k a t a s t r o p h e geworden, die das stolze Schiff in eine v e r k o h l t e B r a n d r u i n e verwandelt hat. Es gab glücklicherweise unter den Passagieren und der Schiffsbesatzung nur Leichtverletzte. Dagegen hat der Polizeikommissär S c h ö n a u e r bei den Rettungsarbeiten, an denen er sich heldenmütig beteiligte, den E r t r i n k u n g s t o d gefunden. Der angerichtete Schaden überschreitet eine F ü n f t e l m i l l i o n Schilling.

Gegen 1/2 4 Uhr früh bemerkten der Matrose Josef R e i l i n g e r, der Deckwache hatte, und der Wachebeamte Anton K r a m l, der auf dem äuszeren Donaukai patroullierte, R a u c h w o l k e n, die vom Vorderteil des "Franz Schubert" aufstiegen. Als Reilinger die Tür des Mannschaftslogis öffnete, schlugen ihm m ä c h t i g e S t i c h f l a m m e n entgegen, die sich mit rasender Schnelligkeit bis zum Bugspriet ausbreiteten. E r s t i c k e n d e r Q u a l m kroch über den ganzen Dampfer.

                                                    Zwei Dutzend Menschen im Flammenmeer.

U n g e h e u r e F e u e r g a r b e n loderten hoch und die wenigen Frühaufsteher, die gerade an Reichsbrücke und Donaukanal vorbeikamen, wurden Zuseher eines entsetzenvollen Schauspieles. Den 19 Mann Besatzung, die sich an Bord befanden, gelang es, die vier Passagiere, die die Nacht in ihren Kabinen verbracht hatten, zu b e r g e n. Dagegen blieb der Heldenkampf, den sie mit den an Bord vorhandenen Löschgeräten gegen die Flammen führten, e r g e b n i s l o s. Inzwischen rasten aber schon die Feuerwehrautomobile mit Vollgas donauwärts. Der ungarische Dampfer "Szent Istvan" setzte Rettungsboote aus, die den brennenden Dampfer umringten.

                                                    Lebenden Leibes geschunden.

Mann für Mann wurden die Matrosen, die Köchin, die Küchenmädchen und die Restaurateurin aus den Luken des brennenden Dampfers, die nur 35 Zentimeter Durchmesser haben, in die Zillen gezerrt. Sie erlitten dabei zum Teil empfindliche H a u t a b s c h ü r f u n g e n. Der Restaurateurin wurde in der allgemeinen Verwirrung eine Brieftasche mit 3000 Schilling gestohlen. Da ihr alles andere verbrannte, ist sie v o l l k o m m e n r u i n i e r t. Der Kellner P ö s c h l sprang in Todesangst ins Wasser und wurde von einer Rettungszille geborgen. Todesmutig kämpften indessen die Löschmänner der Feuerwehr gegen das tobende Flammenmeer. Fensterscheiben zerspringen, eiserne Traversen verbiegen sich in glühender Hitze, aber mit bewundernswertem Elan zerren die Gelben von der Feuerwehr die wasserspeienden Schläuche Schritt um Schritt vorwärts.  

 

                                                    Ein Held ist tot. Feuer aus...

In einer der Zillen steht Kommissär S c h ö n a u e r. Er hilft gerade eine Frau retten, da taumelt er über Bord, v e r s c h w i n d e t unter den mächtigen Schaufelrädern. Seine Frau sieht, an Bord des "Szent Istvan" stehend, den Heldentod ihres Mannes. O h n m ä c h t i g bricht sie zusammen.

Um 5 Uhr 2 Minuten meldet Branddirektor W a g n e r: F e u e r  a u s ! Zurück bleibt eine schwimmende h a l b v e r k o h l t e Ru i n e. Und niemand weiß bisher wieso dieser schreckliche Brand entstanden ist. Die Flammen hatten auch den Anstrich der Reichsbrücke ergriffen. Da man Einsturzgefahr befürchtete, wurde zunächst der gesamte Verkehr über die Brücke e i n g e s t e l l t.

So weit die authentische Schilderung der Katastrophe des Reporter des "Kleines Blattes", der leider namentlich nicht erwähnt wurde.

 

                                                                    

                                     Postschiff "Albrecht"  aus dem Jahre 1913       Postschiff "Karl Ludwig"

 

 

                                               

 

Die schwerste Schaffskatastrophe, die jemals die DDSG in Friedenszeiten erschütterte, war der Untergang des Personendampfers "Wien" bei der Reichsbrücke. Auch hier berichtete "Das Kleine Blatt" am Freitag, dem 12. Juni 1936 wie folgt darüber:

 

                                                                                          

 

                                            Der Dampfer "Wien" bei der Reichsbrücke zerschellt.

 

Der gestrige Feiertag wird in die Geschichte der Lokalchronik Wiens als ein schwarzer Tag eingehen: eines der größten Schiffe der Donau- Dampfschiffahrts - Gesellschaft, der allen Wienern bekannte Salondampfer "Wien", ist gestern nach 13 Uhr infolge eines Versagens der Steuerung und des Hochwassers an einem Pfeiler der alten Reichsbrücke zerschellt und in zwei Teile zerschnitten worden; wenige Augenblicke später ist er gesunken. Zur kritischen Zeit befanden sich 29 Angehörige der Besatzung und der Restauration auf dem Schiff. 23 Personen konnten sich retten. Sechs Personen, unter ihnen vier Frauen, werden im amtlichen Bericht als "vermißt" gemeldet. Sie haben zweifellos in den Wellen den Tod gefunden. Passagiere befanden sich glücklicherweise nicht an Bord.

                                                            ****

Wir veröffentlichen nachstehend die Berichte mehrerer Augenzeugen der Katastrophe, die Schilderungen des Betriebsleiters Ludwig F r a n c, der sich als letzter aus dem sinkenden Schiff retten konnte, und der geretteten Kellner der Schiffsrestauration.

Das Unglück ereignete sich zwischen dem ersten und dem zweiten der n o c h s t e h e n d e n P f e i l e r d e r a l t e n R e i c h s b r ü c k e. Die alte Reichsbrücke, die vor einiger Zeit verschoben wurde, ruht jetzt auf N o t p f e i l e r n, während über die alten Pfeiler vorläufig die neue Reichsbrücke führt. Die neue Brücke wird bekanntlich eine H ä n g e b r ü c k e; sobald der Bau genügend vorgeschritten sein wird, werden die a l t e n P f e i l e r a b g e t r a g e n werden. Am stadtseitigen Ufer wurde bereits ein Pfeiler abgetragen.

                                            Mit Wucht gegen den Pfeiler geschleudert.

Das Schiff wurde, wie später noch ausführlich geschildert werden soll, gegen den ersten der beiden noch stehenden Pfeiler auf der Stadtseite geschleudert.

Infolge des Hochwassers war die Wucht derartig groß, daß die drei vorderen Piloten weggeschleudert, die sie verbindende Traverse herabgerissen und gegen den Schiffsrumpf gestoßen wurde.

Die Katastrophe hat sich nach 13 Uhr ereignet. Zur kritischen Zeit befanden sich etwa dreißig Passanten auf der alten Brücke. Einer dieser Augenzeugen ist der in der Pillersdorfgasse 13 in der Leopoldstadt wohnende Rudolf C o h e n. Er erzählt uns folgendes:

"Ich ging zu Fuß entlang des Straßenbahngeleises über die Reichsbrücke nach Kagran, wo ich meine Schrebergartenhütte aufsuchen wollte. Über das Gerüst der neuen Brücke hinweg sah ich den Dampfer gegen die Reichsbrücke fahren. Daß es die "Wien" war, habe ich erst nach der Katastrophe gesehen.

                                             Kampf mit der "Strömung".

Es war mir sofort aufgefallen, daß das Schiff mit der starken Strömung des Hochwassers zu kämpfen hatte. Ich blieb daher stehen.

Ich sah nun, wie sich das Schiff plötzlich- es war etwa zwanzig Meter von der Reichsbrücke entfernt - quer zur Fahrtrichtung bewegte.

Ich dachte mir im Augenblick, daß das Schiff wahrscheinlich Schwierigkeiten beim Passieren der Durchfahrt haben wird. Die Donau führt ja Hochwasser; das Überschwemmungsgebiet war größtenteils schon ein einziger See. Nur stellenweise sah man noch grüne Inseln; am Verschwinden dieser Inseln konnte man das r a p i d e S t e i g e n d e r D o n a u feststellen.

Was nun weiter geschah, war ein Werk weniger Minuten. Ich sah plötzlich, wie das Schiff mit dem beim stadtseitigen Ufer zugekehrten Teil des Radkastens gegen den Steinpfeiler getrieben wurde. Im nächsten Augenblick senkte es sich seitwärts, und eine Sekunden darauf sah ich von dem Schiff nichts mehr, sondern ich hörte nur etwa fünf oder sechs Pfiffe einer Dampfpfeife und unmittelbar danach ein ohrenbetäubendes Krachen und ein Getöse, daß einige Sekunden andauerte.

Dann tauchte plötzlich der hintere Teil des Schiffes wieder aus dem Stahlgerüst der neuen Brücke hervor. Ich sah auf dem bereits sinkenden Schiff noch eine Frau mit e i n e r b l a u e n S c h ü r z e, die g e l l e n d e S c h r e i e ausstieß.

                                               Schreckensszenen.

Auf der Reichsbrücke, einige Schritte von mir entfernt, verfielen zwei Frauen, die ebenfalls Augenzeugen geworden sind, in Schreikrämpfe. Zwei Mädchen erlitten Ohnmachtsanfälle und stürzten zu Boden. Die anderen Leute, die sich noch auf der alten Reichsbrücke befanden, verließen nun f l u c h t a r t i g d i e B r ü c k e, man befürchtete eine Explosion des Schiffes. Es mag sein, daß die Leute auch Angst hatten, daß die alte Reichsbrücke in Trümmer gehen werde.

Ich blieb aber wie gelähmt, an das Brückengeländer angelehnt, stehen und sah schließlich noch, wie unter der alten Brücke hindurch T r ü m m e r d e s S c h i f f e s v o n d e r S t r ö m u n g  f o r t g e r i s s e n wurden. Ich eilte nun auf die andere Seite der Brücke und sah fünf oder sechs Matrosen - ich erkannte sie nur an ihren Mützen - auf der Donau gegen den Hafen zu treiben. Ein Matrose hatte sich an einen Holzpfahl geklammert. Rings um ihn herum schwamm ein schwarzer Brei. Es dürfte a u f g e l ö s t e r  K o h l e n s t a u b gewesen sein. Ob sich der Mann retten konnte, sah ich nicht mehr. Etwa sechs Minuten später setzte bereits das R e t t u n g s w e r k ein.

Die Katastrophe hatte sich jedenfalls so rasch abgespielt, daß Leute, die sich am anderen Ende der Brücke befanden und das Getöse hörten als sie zum ersten Pfeiler zurückeilten, nichts mehr sahen als die an diesem Pfeiler hängengebliebenen Reste des Schiffes.

 

                            Ein lautes Krachen - nur noch Reste eines Schiffes.

"Ich fuhr mit einem Wagen der Linie 25 über die Brücke nach Kagran", so berichtet uns einer unserer Mitarbeiter, der sich schon kurze Zeit nach dem Unglück an der Katastrophenstätte befand. "Es war einer der letzten Straßenbahnzüge, mit dem wir knapp vor der Katastrophe die alte Reichsbrücke passiert hatten. Unser Wagen fuhr eben in die erste Haltestelle bei der Abzweigung der Linie 24 ein, als wir ein l a u t e s K r a c h e n vernahmen. Es hörte sich an, als wären in nächster Nähe zwei Straßenbahnzüge zusammengestoßen. Der Schaffner meinte aber: "Was wird schon geschehen sein? Straßenbahn war es keine. Wahrscheinlich Autos. "Anderer meinten: "Dös war a Explosion!" Den Dampfer hatte beim Passieren der Brücke niemand bemerkt. Ich eilte nun z u F u ß zurück. Am Ende der Brücke sah man bereits Leute laufen und als wir - es war schon sieben Minuten später - zur Unglücksstelle kamen

sahen wir nur noch Reste eines Schiffes, die an dem Holzgerüst des alten Steinpfeilers hängengeblieben waren.

Unten, bei der vom Hochwasser eingeschlossenen Restauration "Futterkneccht" hatten sich bereits hunderte Neugierige zusammengedrängt und eine Zille losgelöst, um Hilfe zu bringen. J e d e  H i l f s a k t i o n war aber bereits v e r g e b l i c h. Der größte Teil der Schiffsbesatzung war schon gerettet und auf der Donau schwammen B a l k e n und l o s g e r i s s e n e  B r e t t e r. Am Pfeiler, an dem die "Wien" zerschellt ist, sah man zu beiden Seiten Reste der Schiffswand.

 

                            Das zerbrochene Schiff.

An der r e c h t e n Seite des Pfeilers, dessen vordere h ö l z e r n e  S t ü t z p f e i l e r  g l a t t  w e g r a s i e r t waren, hing e i n T e i l d e s  S c h i f f e s, ferner ein Stück des Radkastens und Trümmerreste des wie eine Z ü n d h o l z s c h a c h t e l z e r q u e t s c h t e n  S p e i s e s a l o n s. An der l i n k e n  S e i t e des Pfeilers hing ebenfalls ein Rest des Schiffes, der von einer herabgerissenen Traverse förmlich aufgespießt war.

Auf den Resten einer zersplitterten Kabinenwand lagen noch eine zerquetschte Kupferpfanne und einer große, flachgedrückte Dose mit S u p p e n w ü r z e. Die übrigen Reste des Dampfers waren bereits von der Strömung fortgerissen worden. "Alles kam dahergeschwommen", erzählten uns zwei Ausflügler, die sich zur Zeit der Katastrophe im W i n t e r h a f e n befanden. "Ein Pfeiler schwamm dahin, ein Bierfaß, Klubsessel, Ottomanen, Rettungsboote, Klappsessel, auch Geschirr und sonstige Kücheneinrichtungsgegenstände. Ein donauaufwärtsfahrender Schlepper stoppte sofort und fuhr dann in die Strommitte hinaus, um sich an den Bergungsarbeiten zu beteiligen. Es bestand kein Zweifel mehr, in n ä c h s t e r  N ä h e mußte sich ein Schiffsunglück ereignet haben. Wir selbst fischten mehrere Schiffsdokumente aus den Fluten.

Die beiden haben die aus der Donau gezogenen Schriftstücke unserer Redaktion übergeben. Es sind Schriftstücke aus der Kabine des Kapitäns; ein Block gültiger, aber noch unbenützter Fahrscheine, ein Handbuch über den Donauverkehr, ein Block mit Garderobescheinen, der sogenannte "G e s u n d h e i t s s c h e i n " der "Wien" und ein in ungarischer Sprache abgefaßter "Befund" über die Tragfähigkeit der Steuerkette, deren Defekt, wie der Kapitän später angab, die Katastrophe verursacht hatte.

                                              Die Rettungsaktion.

Bereits vor 14 Uhr war die Rettungsaktion im vollen Gang. Feuerwehr, Wasserwehr, Rettungsgesellschaft, Strompolizei, Matrosen und Sicherheitswache waren am Werk. Vier von den geretteten Schiffsinsassen, und zwar der zweite Maschinenmeister der "Wien", Ludwig F r a n c aus Budapest, und die aus Wien stammenden Kellner des Schiffes, Karl G a l l, Alfred W i n k l e r und Franz B i n d e r, wurden in einem Rettungsauto in das Arbeiter- Unfallspital gebracht, wo sie nach der ersten Hilfeleistung unserem Berichterstatter eine ausführliche Schilderung über ihre furchtbaren Erlebnisse gaben.

Die übrigen Geretteten wurden sofort in die Schiffsstation "Reichsbrücke" der Donau- Dampfschiffahrts - Gesellschaft gebracht, wo nun die Liste der Geretteten und der Vermißten aufgestellt worden war.

                                      Sechs Vermißte.

Es stellte sich heraus, daß folgende Personen von der Besatzung des Schiffes fehlen: Der Restaurateur des Schiffes Josef A b r a m o w i t s c h, der seit Jahren Schiffsrestaurateur ist und außerdem in Ostermithing in Oberösterreich eine Wirtschaft besitzt, seine Cousine Maria A b r a m o w i t s c h, die als Schiffsköchin bedienstet war, weiters die Küchengehilfin Cäcilie L e i t n e r aus Aschach an der Donau, die Kammerfrau Frieda K a m i n g e r aus Linz, die Garderobierin  Gisela B e r g e r und der Schiffsheizer Anton G u n d a c k e r aus Wels.

                                          Die Geretteten.

Unter den Geretteten befinden sich der Kapitän des Dampfers "Wien" Karl  Z i e g l e r, der Obermaschinenmeister Eduard Sc h u t z b a c h e r, der Schiffskontrollor Max T y r o c h, der erste Steuermann Andreas W a g n e r, der zweite Steuermann Karl A b r a m o w i t s c h, der Bootsmann Edmund S i e b e r, die Matrosen Karl T o m a y e r, Johann D i d e t m ü l l e r, Rudolf O b n e und Franz J u n g l e h n e r, die Heizer Bruno B r u n n e r, Ernst B e n e, Josef W i t m a n n, Otto H a b e l und Johann H a a s und die 35jährige Tochter des ertrunkenen Restaurateurs, Maria A b r a m o w i t s c h, die in der Schank tätig war; weiter der Eßzeugputzer Fritz B e r e i t e r, die beiden Kellner Franz S c h a n d l und Leopold K a r c h sowie die bereits erwähnten Kellner G a l l, W i n k l e r und B i n d e r und der zweite Maschinenmeister Ludwig F r a n c.

Während die Feuerwehr die Sicherung der am Pfeiler hängengebliebenen Schiffsreste durchführte und die Wasserwehr gemeinsam mit der Strompolizei die Suche nach den Vermißten fortsetzte, begann bereits eine Polizeikommission mit der Einvernahme der Geretteten, um die Ursache der Katastrophe festzustellen.

 

                                Die Aussage des Kapitäns.

Einer der ersten, die einvernommen wurden, war der Kapitän Karl Z i e g l e r, der seit vorigem Jahr das Kommando auf der "Wien" innegehabt hat. Ziegler hat durch fünf Jahre hindurch auch das Schwesterschiff der "Wien", den Dampfer "Schönbrunn" kommandiert. Seit zehn Jahren stand Ziegler im Dienst der Donau - Dampfschiffahrts - Gesellschaft. Kapitän Ziegler gab bei der ersten Einvernahme folgendes zu Protokoll: "Infolge des Hochwassers mußte von der Schiffsstation Reichsbrücke aus ein Verbindungsdienst eingerichtet werden. Der ungarische Dampfer "Szent Istvan", der vormittags kursgemäß die Schiffstation Reichsbrücke verlassen sollte, hat bereits bei der Stadlauerbrücke angelegt, weil er wegen des Hochwassers unter der Reichsbrücke nicht durchfahren konnte. Ich übernahm daher mit meinem Schiff die für den Dampfer "Szent Istvan" bestimmten hundertsechzig Passagiere bei der o b e r h a l b  d e r R e i c h s b r ü c k e  gelegenen ungarischen Schiffstation, um sie stromabwärts bis zum "Szent Istvan" zu bringen. Gegen halb neun Uhr früh fuhr die "Wien" von der ungarischen Schiffstation weg. Wir passierten klaglos die Reichsbrücke. Bei der Stadlauerbrücke wurden dann die ungarischen Passagiere übergeben. Die "Wien" fuhr dann wieder stromaufwärts. Auf meinem Schiff befanden sich noch einige Zollbeamte und Beamte der Paßkontroklle, weshalb ich bei der Schiffstation Reichsbrücke  anlegte, um sie dort an Land zu bringen.

Gegen 10.30 Uhr fuhr ich dann weiter stromaufwärts, um beim Landeplatz in Zwischenbrücken Kohlen zu fassen. Diese Arbeit begann um etwa 11 Uhr und dauerte bis wenige Minuten vor 13 Uhr. Dann fuhr ich mit meinem Schiff wieder stromabwärts, um unterhalb der Reichsbrücke beim Passagierponton der dortigen Schiffstation zu landen. Passagiere hatten wir nicht an Bord.

Die "Wien" sollte wieder in den fahrplanmäßigen Dienst treten. Die "Wien" war vorgestern, Mittwoch, um 18.20 Uhr von einer kursmäßigen Fahrt von Linz nach Wien zurückgekehrt, sie führte abends eine Sonderfahrt des Jockei- Klubs nach Klosterneuburg durch und sollte gestern, Donnerstag abend, kursmäßig nach Linz fahren.

                                     Mit verminderter Kraft.

Die Maschinen waren auf halbe Kraft gestellt, da beim Durchfahren zwischen den Brückenpfeilern je nach dem Wasserstand immer mit v e r m i n d e r t e r K r a f t  g e f a h r e n  wird. Etwa zweihundert Meter vor der Brücke kam es zu einer kritischen Situation. Ich hatte eben "H a l b e  K r a f t ! V o r w ä r t s ! kommandiert, als plötzlich das S t e u e r r u d e r  v e r s a g t e. Vermutlich war eine K e t t e  g e r i s s e n. Der Bug des Schiffes ( Es war in diesem Fall der hintere Teil, da das Schiff verkehrt zurückfuhr. Die Red.) wurde jetzt von der S t r ö m u n g  e r f a ß t und h e r u m g e r i s s e n, so daß die Gefahr eines Zusammenstoßes mit dem ersten stadtseitig gelegenen Brückenpfeiler unmittelbar vor meinen Augen schwebte.

                            Alle Mann an Deck!

Ein weiteres Rückwärtsfahren mit voller Kraft hätte zur Folge gehabt, daß das Schiff gegen den zweiten Pfeiler angerast wäre, da sich das H e c k des Schiffes schon zum Teil in der F a h r r i n n e, also unter der Brücke befand.

    Ich betätigte sofort die Dampfpfeife, die als Rettungssignal gedacht ist, um meine Mannschaft zu alarmieren und alle Mann an Deck zu berufen. Ich selbst gab dann das Kommando "Volle Kraft! Voraus!" um so den Zusammenstoß mit dem ersten Pfeiler zu vermeiden. Ehe aber noch die Maschinen, die zuerst auf Rückwärtsfahrt eingestellt waren, nach vorwärts geworfen werden konnten, war das Unheil nicht mehr zu vermeiden.

Die ungemein starke Hochwasserströmung ließ die Breitseite des Schiffes nicht mehr aus und in S e k u n d e n , die mir u n e n d l i c h  l a n g  schienen, wurde das Schiff mit seiner Breitseite gegen den ersten Brückenpfeiler gedrückt.

        Ich selbst wurde beim Anprall von der Kommandobrücke des sinkenden Schiffes in w e i t e m  B o g e n  g e g e n  d e n  B r ü c k e n p f e i l e r  g e s c h l e u d e r t, wo ich mich anklammerte.

Meine Mannschaft war größtenteils schon an Deck geeilt und hatte, während die Schiffstrümmer weiter gegen den Pfeiler gepreßt wurden, noch Zeit, um sich vom Schiff selbst auf die Gerüste des Pfeilers zu retten. Ich möchte noch feststellen, daß an dem Unglück niemand von meiner Mannschaft schuldtragend ist."

 

              Der gerettete Maschinenmeister erzählt:

Der l e t z t e  Mann, der sich aus dem sinkenden Schiff noch rechtzeitig vor dem sicheren Tode retten konnte, war der zweite Maschinenmeister, Betriebsleiter Ludwig F R A N C, der mit Verletzungen am Kopf und an der rechten Hand in das Arbeiter- Unfallspital gebracht wurde. Dort erzählte er einem unserer Mitarbeiter folgendes:

                "Ich bin froh, daß ich jetzt da im Spital sitze. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich hierhergekommen bin. Ich stand bei der Maschine. Neben mir der Obermaschinenmeister. Plötzlich kamen z u   g l e i c h e r  Z e i t  m e h r e r e  B e f e h l e. Der Schiffstelegraph ging hin und her. Einmal: Vorwärts", dann wieder: Rückwärts!" Das Schiff wankte schon. Ich habe aber noch immer an keine Katastrophe gedacht. Ich blieb jedenfalls auf meinem Posten. Ich dachte, wer weiß, was da noch kommt. Was weiter passiert ist, weiß ich gar nicht mehr.

      "Ich stand plötzlich b i s  z u   d e n  H ü f t e n  i m W a s s e r  und ich wartete auf weitere Befehle, verlassen konnte ich ja meine Maschine nicht. Daß eine weiß ich schon noch, daß ich rechtzeitig noch den Hebel hochgezogen hatte, um eine Explosion des Schiffskessels zu verhindern.

                Dann hörte ich von oben herunter Hilfeschreie und Rufe: "G e m m a ! G e m m a !" Ich habe das natürlich als B e f e h l  aufgefaßt und wollte hinauf. Als ich wieder zu mir gekommen bin, lag ich oben auf der neuen Reichsbrücke, ohne Rock, mit nasser Hose und in Hemndärmeln. Ganz dunkel erinnere ich mich noch, daß ich mich irgendwo angeklammert habe. Vom Kopf b l u t e t e  ich, denn es war mir eine Werkzeugkiste auf den Kopf gefallen. Wie ich gerettet wurde, weiß ich nicht mehr!"

                            Er eilt zum versunkenen Schiff zurück.

                    Als Ludwig Franc die Wunden auf dem Kopf und an der rechten Hand vernäht worden waren, verabschiedete er sich von den Ärzten des Unfallspitals mit den Worten: "Bitte schön, ich kann nichts dafür!" und ging nun zu Fuß, in Hemdärmeln, mit nasser Hose und nassem Hemd, das blutig war, zur Reichsbrücke zurück. Er hatte noch keine Ahnung, daß sein Dampfer bereits gesunken war.

                    Als wir ihm das mitteilten, sagte er in gebrochenem, ungarisch betontem Deutsch:

                            "No, wer ma schon schauen, was Dampfer macht! Wen is kaput, fahr ich mit Expreßdampfer zurück nach Budapest, zu meiner Frau, um ihr vom Unglück erzählen!"

 

                               Zwei gerettete Kellner.

Knapp vor dem Maschinenmeister Franc, der seit mehr als 20 Jahren im Dienste der DDSG steht und ein Familienvater aus Budapest ist, wurden die beiden Kellner W I N K L E R   und  G A L L  gerettet. Gall wurde ins Unfallspital gebracht. Er erzählt, daß er während des Unglücks auf dem vorderen Teil des Schiffes neben Winkler gestanden ist.

                           Das Schiff befand sich teilweise unterhalb der Brücke, als ober ihnen ein Teil des Daches vom unteren Rand der neuen Reichsbrücke förmlich wegrasiert wurde.

  Winkler wie auch Gall konnten sich ebenfalls nur dadurch retten, daß sie gegen die noch stehen gebliebenen Holzpiloten geschleudert wurden, an die sie sich geistesgegenwärtig angeklammert hatten. Winkler und seine Arbeitskollegen sind vor allem über den tragischen Tod ihres Arbeitgebers, den sie als einen liebenswürdigen und sehr sozial fühlenden Chef schildern, bestürzt.

           Außer dem Maschinenmeister Ludwig Franc und den beiden Kellnern Karl Gall und Alfred Winkler wurde niemand verletzt. Die Tochter des Restaurateurs Maria Abramowitsch  hat nach der Bergung einen vollständigen Nervenzusammenbruch erlitten, weshalb sie von der Rettungsgesellschaft in das Rudolfspital gebracht wurde. Daß ihr Vater bei dem Unglück den Tod gefunden hat, weiß sie noch nicht.

                               Das Werk weniger Sekunden.

        Über die im Laufe des Nachmittags und in den Abendstunden fortgesetzten Einvernahmen der geretteten Besatzung wird noch folgendes bekannt: "Im kritischen Augenblick stand Kapitän Ziegler auf der Kommandobrücke; die beiden Steuermänner standen am Steuerruder, Schutzbacher und Ludwig Franc bei den Maschinen.

                In dem Augenblick, als der Kapitän Ziegler den Befehl gab "Volle Kraft voraus!", blieb, wie nun bekannt wird, die Zille der "Wien" an dem Piloten des dritten Pfeilers hängen, so daß die Kraft der Maschine durch einige Sekunden gehemmt war. Ehe sich das Schiff nun von der verhängten Zille losreißen konnte, war der hintere Teil des Schiffes schon so weit herumgebracht worden, daß die Katastrophe nicht mehr zu vermeiden war. Das Schiff sank in wenigen Sekunden.

               Der durch die Katastrophe verursachte Schaden läßt sich noch nicht angeben. Im Bericht der Polizeikorrespondenz wird erwähnt, daß der Bau eines der "Wien" ähnlichen Dampfers ungefähr z w e i   M i l i o n e n  S c h i l l i n g  kostet. Man vermutet, daß ein Teil des Schiffes noch unter Wasser beim Pfeiler verkeilt liegen dürfte. Wann mit der Bergung der Schiffsreste begonnen werden kann, ist noch unbekannt. Die n e u e  R e i c h s b r ü c k e  selbst hat, wie amtlich erklärt wird, durch die Schiffskatastrophe k e i n e n  S c h a d e n  erlitten. Der Durchgangsverkehr auf der Donau mußte jedenfalls u n t e r b r o c h e n  werden. Ein Unterfahren der Reichsbrücke kommt vorläufig nicht in Betracht. Alle stromaufwärts und stromabwärts fahrenden Schiffe und Schlepper werden durch eigene Alarmboote von der Sperre verständigt.

                         Strandgut auf der Donau.

Ein gelegentlicher Mitarbeiter erzählt uns: "Ich hatte den Feiertag zu einem kleinen Ausflug längs der Donau benützt. Ursprünglich wollte ich in die Lobau gehen, doch waren die Überfuhren wegen des Hochwassers eingestellt. So wählte ich den Weg längs der Donau zum Praterspitz hinunter, ließ mich dann über den Donaukanal übersetzen und ging in der Richtung gegen Fischamend weiter. Es war nicht lange nach 14 Uhr, als plötzlich g r ö ß e r e  H o l z s t ü c k e auf der Donau geschwommen kamen. Zuerst erschien es, als ob ein Floß auseinandergerissen und die einzelnen Balken davongeschwommen wären. Bald danach kam ein großer H o l z a u f b a u  angeschwommen, es waren, wie man deutlich sah, zusammengebundene P i l o t e n , ein P f e i l e r s c h u t z. Der Aufbau ragte mindestens sechs Meter über dem Wasser empor. Nun wurde alles stutzig. Noch wußte man aber noch nicht, was geschehen war. Unmittelbar darauf trug das Hochwasser eine g r o ß e  K a b i n e  heran. Jetzt glaubten die Leute, es sei ein W o c h e n e n d h a u s, daß das Wasser mitgerissen hätte. Fischer und andere Leute machten sich mit dem Boot auf und ruderten eilig dem vermeintlichen Wochenendhäuschen nach. Bald kamen sie mit Sesseln, mit Tischen, Liegestühlen, Brettern zurück. Wenige Minuten später kam dann ein zweiter, noch größerer Pfeilerschutz angeschwommen, wieder suchten einige Leute mit Booten an ihn heranzukommen, um sich in den Besitz der einzelnen Pfosten zu setzen. Die Strömung war aber so groß, daß die Leute von ihrem Beginnen ablassen mußten. Später kamen dann noch viele einzelne Gegenstände die Donau herab, manche von ihnen konnten als Strandgut geborgen werden, viele andere schwammen weiter die Donau hinunter. Nun wurde man schon bedenklich und es wurde auch die Befürchtung laut, daß ein großes Unglück geschehen sein müßte. Aber erst viel später drangen Gerüchte durch, daß bei der Reichsbrücke ein Schiff gesunken sei. Diese Gerüchte gingen dann wie ein Lauffeuer die Ufergemeinden hinab.

                        Der Bundeskanzler an der Unglücksstelle.

Kurze Zeit nach dem Unglück fanden sich auch der Bundeskanzler Dr. S c h u s c h n i g g, der Vizekanzler B a a r - B a a r e n f e l s, der Handelsminister S t o c k i n g e r und der Bürgermeister S c m i t z an der Stätte der Katastrophe ein. In einem Boot der Strompolizei begaben sie sich unter Führung des Präsidenten der Donau- Dampfschiffahrts - Gesellschaft F e y, zu dem Pfeiler, an dem der Dampfer zerschellt ist. Die Untersuchung der Katastrophe hat der Chef des Sicherheitsbüros, Hofrat B a r b e r, übernommen.

                                        Die Todesopfer.

Über die Todesopfer der Schiffskatastrophe wurde spätabends noch folgendes bekannt: Der Restaurateur A b r a m o w i t s c h, der im s i e b z i g s t e n Lebensjahr stand, dürfte dadurch den Tod gefunden haben, daß er im kritischen Augenblick nicht wußte, was geschehen ist. Er befand sich im Restaurantraum. Mit ihm zugleich hat, wie schon erwähnt, Frau Maria A b r a m o w i t s c h den Tod gefunden. Seine Tochter gleichen Namens konnte, wie erwähnt gerettet werden. Die mit ihm zugleich ertrunkene Frau Maria Abramowitsch wird von den Kellnern als die C o u s i n e des Restaurateurs bezeichnet, während es im letzten Polizeibericht heißt, daß es seine Gattin gewesen sein dürfte. Der ebenfalls vermißte Heizer Anton G u n d a c k e r ist in den Wellen umgekommen, als er die Kammerfrau Frieda K a m i n g e r, die in die Donau geschleudert wurde, s c h w i m m e n d  r e t t e n  wollte.

                             Der Dampfer "Wien"

Der Dampfer "Wien" wurde im Jahre 1913 eigens für den Postschiffverkehr Wien- Budapest gebaut. Er wurde aber später als S a l o n d a m p f e r  für den Personenverkehr auf der Strecke P a s s a u - B u d a p e s t  verwendet. Der Dampfer war 74 Meter lang und ohne Radkasten 8 Meter, mit dem Radkasten 1570 Meter breit. Er hatte einen Tiefgang von 1,8 Meter. Er war auf der Donau die d r i t g r ö ß t e  T y p e  d e r  P e r s o n e n d a m p f e r, er hatte 710 Pferdekräfte. Vollkommen gleichgebaut und gleichstark sind die S c h w e s t e r n s c h i f f e  "S c h ö n b r u n n" und "B u d a p e s t". Die zweitgrößten Typen sind die Dampfer "Franz Schubert" und "Johann Strauß" mit je 740 Pferdekräften. Die größten vier Schiffe der Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft haben je 1000 Pferdekräfte; es sind dies die Expreßschiffe, die den Verkehr von Wien nach dem Balkan versehen.

Die "Wien" konnte 1400 P a s s a g i e r e  a u f n e h m e n. Das Schiff hatte 19 Kabinen mit 38 Betten. Die "Wien" hatte normal 29 Mann Besatzung, sie wurde zuletzt von Kapitän Z i e g l e r  befehligt. Dieser ist seit 38 Jahren bei der DDSG tätig, gilt als einer ihrer besten Kapitäne und hat während seiner vieljährigen Tätigkeit niemals einen Unfall gehabt.

 

                                            

                             DFS "Wien", knapp vor ihrem Untergang. Salonkabinen der "Wien"

 

So weit die Berichterstattung des "Kleinen Blattes" über das Schiffsunglück, wo zur Ergänzung noch einige technische Daten hinzuzufügen sind:

So war in dieser Zeit die DDSG in der Fahrgastschiffahrt führend. Auch die "Wien" erregten dank ihres Aussehens, ihrer Ausstattung und Geschwindigkeit, und auch wegen ihres geringen Tiefgangs, berechtigtes Aufsehen. Das in Budapest gebaute Schiff (DDSG- Flottenliste 303) war mit  Zweifach -Expansionsmaschinen - so genannten "Compound- Maschinen" ausgerüstet, die folgendermaßen funktionierten: Diese hatten zwei Zylinder. Der Dampf gelangte vom Kessel in den so genannten Hochdruckzylinder, expandierte dort teilweise und trat dann in den größeren Niederdruckzylinder ein, um dort weiter zu expandieren. Damit die  Leistung ungefähr gleichmäßig aufgeteilt war, hatte der Niederdruckkolben eine viel größere Fläche als der Hochdruckkolben. Der Dampf trat zumeist in einen Kondensator ein, wo er sich in Wasser verwandelte und ein Vakuum schaffte, das wieder leistungssteigernd wirkte. Das Schiff war der einzige Fall eines Totalverlustes eines DDSG- Fahrgastschiffes durch eine Havarie im Frieden.

         

Doch damit war die Berichterstattung in den damaligen Gazetten noch nicht beendet. So schrieb das "Kleine Blatt" am Samstag, dem 13.Juni 1936 in ihrer Ausgabe:

 

                                   Die Donau gibt ihre Opfer nicht frei.

Gestern vormittag wurde mit den Bergungsarbeiten bei der Reichsbrücke begonnen. Die Arbeiten sind im Laufe des Tages so weit fortgeschritten, daß heute die Durchfahrt unter der Reichsbrücke wieder freigegeben werden dürfte. Sie wurde bereits gestern versuchsweise von einem Schleppdampfer passiert. Das Wrack der "Wien" befindet sich auf dem Grund und ist mit dem Pfeiler derart verkeilt, daß es auseinandergeschweißt werden muß. In der Fahrtrinne selbst befinden sich keine Schiffsreste mehr. Von den sechs Todesopfern der Schiffskatastrophe konnte noch keines geborgen werden.

Mit der Bergung des Wracks der "Wien" wurde um 9 Uhr früh begonnen. An der interessanten Aktion beteiligten sich Organe des Bundes- Strombauamtes, der Bundesbaukeitung für den Umbau der Reichsbrücke, Feuerwehrleute, Organe der Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft, in erster Linie aber größere Abteilungen der P i o n i e r e   d e s   B u n d e s h e e r e s, die bereits kurze Zeit nach der Katastrophe vom Bundeskanzler Dr. Schuschnigg als Heeresminister den Befehl erhalten hatten, sich in den Dienst der Bergungsaktion zu stellen.

                          Die Freimachung der Durchfahrt.

Das wichtigste war natürlich die rascheste Freimachung der Schiffahrtsrinne unterhalb der Reichsbrücke, um die Unterbrechung des internationalen Frachtenverkehrs auf der Donau im Bereich der Stadt Wien ehestens beheben zu können.

Die Bergungsarbeiten erstreckten sich daher in erster Linie auf die Sicherung der bei dem Pfeiler der alten Reichsbrücke hängengebliebenen Wrackteile d u r c h  L a n d s e i l e  u n d  A n k e r, damit sie nicht in das Fahrwasser getrieben werden können.

Gleichzeitig wurde mit den Vorbereitungen begonnen, um die Wrackteile selbst a u t o g e n  z u  z e r s c h n e i d e n  und abzuschleppen.

                           Keine Trümmer in der Fahrtrinne.

Ehe mit den Bergungsarbeiten begonnen wurde, fand in der Baukanzlei der Reichsbrücke eine Konferenz aller beteiligten Faktoren statt, die sich Pläne zurechtlegten, wie man am schnellsten die Durchfahrt unter der Reichsbrücke wieder freibekommen kann. Man kam überein, zunächst die Fahrtrinne zu sondieren. Es wurden zunächst umfangreiche Vermessungen an dem Unglückspfeiler durchgeführt, gleichzeitig nahmen Pioniere Lotungen vor, um festzustellen, ob noch Schiffsteile in der Fahrtrinne liegen. Durch zwei Stunden hindurch durchfuhren die Pioniermotorboote "T r a u n "  und  "S a l z a c h " wiederholt die Fahrtrinne, wobei die Soldaten mit langen Stangen d e n  G r u n d  a b s u c h t e n.  Es wurden jedoch k e i n e   T r ü m m e r  gefunden.

Während sie Pioniere nach Schiffsresten suchten, traf bei der Schiffsstation "Reichsbrücke" die Meldung ein, das in W i l d u n g s m a u e r  ein Teil des weggerissenen Brückenjoches und bei der Donaukanalmündung die Kommandobrücke der "Wien" ans Ufer geworfen wurde.

                          Durchfahrt eines Schleppdampfers.

Bei der Reichsbrücke hatte man sich inzwischen zu einem entscheidenden Versuch entschlossen:

Um 10.20 Uhr passierte der Schleppdampfer "Mars" unter Beobachtung größter Vorsicht, die Fahrrinne unterhalb der Reichsbrücke

und es zeigte sich, daß er trotz seines ziemlich großen Tiefganges ohne weiteres durchkam. Eine Viertelstunde später begannen die Pioniere mit G r u n d l e t t e n  die Sohle des Grundbettes abzusuchen und gleichzeitig wurden T e i l e  d e s  W r a c k s  verankert.

                       Ein Steinpfeiler hat sich gesenkt.

Von den zuständigen Organen wurden gleichzeitig auch an der neuen Reichsbrücke Untersuchungen durchgeführt. Durch das W e g r e i ß e n  d e s  e i n e n  h ö l z e r n e n  S t ü t z g e r ü s t e s  des ersten Steinpfeilers der alten Brücke, bestand für beide Brücken große Gefahr. Der Steinpfeiler hat aber im großen und ganzen die Katastrophe gut überstanden.

Er hat sich allerdings um z w e i  Z e n t i m e t e r  t i e f e r  i n  d e n  S r o m g r u n d  g e s e n k t.

Für die Brücke selbst besteht aber deshalb keine Gefahr. Sie hat auch sonst keinen Schaden erlitten.

                           Durchfahrt schon heute, wenn keine Zwischenfälle eintreten.

Die Sicherung des Wracks war in den gestrigen Abendstunden so weit vorgeschritten, daß sich die Bundesbauleitung der Reichsbrücke zur Veröffentlichung des nachstehenden Kommuniques veranlaßt sah:

"Wenn keine unerwarteten Zwischenfälle mehr eintreten, wird morgen Samstag die Durchfahrt unter der Reichsbrücke für die Schiffahrt zunächst während der Tagesstunden gestattet werden. Die Arbeiten am Umbau der Reichsbrücke keine Unterbrechung. Der Verkehr über die alte Brücke ist ungestört."

Die Bergungsarbeiten des Bundesheeres leitete der Pioniertruppeninspektor Generalmajor K e r n. An den Arbeiten nahmen zwanzig Pioniere der Garnison K l o s t e r n e u b u r g  und ebensoviele technische Soldaten der Garnison K o r n e u b u r g  mit ihren modernen, mit Dieselmotoren ausgerüsteten gepanzerten Motorschleppern teil. Das Hochwasser der Donau ist wieder im Sinken. Derartige Hochstände, wie sie in den letzten Tagen verzeichnet wurden, sind in der Donau sehr selten. Zur Zeit des Unglückes war der Wasserstand der Donau u m  d r e i   M e t e r  h ö h e r  als anfangs der Woche.

 

                                  Wer ist der Schuldige!

Während die S t r o m p o l i z e i   sich an den Vorbereitungen für die Bergungsaktion beteiligte und den Sicherheitsdienst auf der Donau durchgeführt hat, legte das S i c h e r h e i t s b ü r o  mit Unterstützung des Polzeikommissariats P r a t e r  die Erhebungen zwecks Feststellung der Schuldfrage und der Personaldaten der sechs Opfer fort. Über die Untersuchung wird uns folgendes berichtet:

Nachdem bereits unmittelbar nach dem Unglück der Kapitän des Schiffes, Karl Z i e g l e r, und die beiden Steuermänner Andreas W a g n e r und Karl A b r a n o v i c s eingehend verhört worden sind, wurden Ziegler und die beiden Steuermänner gestern neuerdings in das Sicherheitsbüro beschieden, wo sie abermals über ihre Wahrnehmungen einvernommen wurden. Für die weitere Untersuchung von besonderer Bedeutung ist die Klärung der Frage, ob der Bruch der Steuerrung schon v o r   d e m   E i n t r i t t  i n   d i e   F a h r t r i n n e  unter der Reichsbrücke erfolgt war, oder erst in dem Augenblick, als der Dampfer an dem Pfeiler hängen blieb und daraufhin der Kapitän v e r s u c h t e, durch Rückwärtsfahren das Schiff loszureißen. Zu klären ist weiters, warum das Schiff an dem hölzernen Stützgerüst des alten Betonpfeilers hängengeblieben ist.                     

                                 Zusammentreffen unglücklicher Zufälle.

Nach den bisherigen Feststellungen dürfte das Z u s a m m e n t r e f f e n   u n g l ü c k s e l i g e r   U n f ä l l e  die alleinige Ursache des Unglücks gewesen sein.

Im Laufe des gestrigen Tages wurden der Reihe nach alle Personen, die sich zur Zeit des Unglücks auf der "Wien" befunden hatten und sich retten konnten, bei der Polizei über ihre Wahrnehmungen einvernommen. Von Bedeutung dürften wohl auch die Angaben des Betriebsleiters Ludwig F r a n c  und des Kellners Alfred W i n k l e r  sein, die das Kleine Blatt bereits gestern veröffentlich hat. Nach Abschluß der polizeilichen Untersuchung  wird unter allen Umständen der Akt an die S t a a t s a n w a l t s c h a f t  abgetreten werden. Dieser obliegt es dann, zu erklären, ob ein Verschulden vorliegt und ob gegen irgendeinen der Funktionäre  der "Wien" gerichtliche Schritte unternommen werden sollen.

                                 Die Familie Abranovics.

Was die P e r s o n a l d a t e n  der Verunglückten betrifft, wurde folgendes festgestellt: Der mit dem Schiff untergegangene Restaurateur heißt richtig Josef A b r a n o v i c s. Er wohnte zuletzt in Schärding am Inn und war seit fast vierzig Jahren als Schiffsrestaurateur tätig. Die mit ihm zugleich ertrunkene Frau Maria A b r a n o v i c s ist n i c h t   s e i n e   G a t t i n, sondern seine N i c h t e, die in seinem Betrieb als K ö c h i n  tätig war. Auf dem Dampfer "Wien" waren noch seine T o c h t e r Maria Abranovics als Leiterin der Schank und sein N e f f e  Karl Abranovics als Steuermann tätig. Die beiden konnten g e r e t t e t  werden. Die Gattin des ertrunkenen Restaurateurs befand sich zur Zeit des Unglücks in Wien. Sie wohnt bei ihrem Sohn und liegt in dessen Wohnung seit längerer Zeit krank danieder. Auch der Sohn leidet an einer schweren Nervenkrankheit und sein Hausarzt verbot es den Angehörigen, ihm von dem tragischen Tod seines Vaters Mitteilung zu machen.

                           Noch keine Leiche geborgen.

Der ebenfalls ertrunkene Schiffsheizer Anton G u n d a c k e r, der 48 Jahre alt war, stammt aus Melk. Er war ein sehr guter Schwimmer, wurde aber trotzdem von den reißenden Fluten in dem Augenblick mitgerissen, als er eine der beiden Kammerfrauen retten wollte. Bekanntlich haben beide Kammerfrauen in den Wellen den Tod gefunden. Die eine war die 24 jährige Frieda B a m m i n g e r, die auf dem Dampfer "Wien" ständig gewohnt hat; die zweite die 40jährige Gisela B e r g e r, die in Linz daheim war.

Das sechste Opfer ist die 35jährige Cäcilie L e i t n e r, die als Küchengehilfin beschäftigt war und ebenfalls ständig auf der "Wien" gewohnt hatte. Von den sechs Todesopfern konnte bisher noch keines geborgen werden, obwohl auch im Laufe des gestrigen Tages die Umgebung der Unglücksstätte mit Grundleinen genau durchzogen worden ist. Nach Ansicht von Fachleuten erscheint es ausgeschlossen, daß sich eine der Leichen noch in dem untergegangenen Schiffsrumpf befindet.

 

                          Am Dienstag, dem 16. Juni 1936 meldete "Das Kleine Blatt".

                             Heute wird die "Wien" gehoben.

Über die Arbeiten an der Unglücksstätte bei der Reichsbrücke wird spät nachts noch folgendes berichtet: Die Durchfahrt unterhalb der Reichsbrücke ist nach wie vor nur untertags gestattet. Die Untersuchung der alten und neuen Stützpfeiler der neuen Reichsbrücke hat ergeben, daß diese dem durch das Schiffsunglück verursachten Druck standgehalten haben.

Eine S e n k u n g  d e r  P f e i l e r konnte nicht f e s t g e s t e l l t  werden. Das gerammte Stützungsjoch wird jedoch durch ein neues ersetzt. Mit dem Abwracken wird heute bereits begonnen werden. Da aber das Wrack weder in der Stromrichtung noch stromaufwärts transportiert werden kann, werden die oberhalb gelegenen Wrackteile abgeschnitten und der verbleibende Rest als Ganzes g e h o b e n  werden.

Beim stadtauswärtsliegenden Wrackteil wird man versuchen, ihn durch Auspumpen im Gewicht zu vermindern. Die Bergungsarbeiten bereiten jedenfalls überaus große S c h w i e r i g k e i t e n.  Durch die verschiedenen Sicherungsarbeiten erfährt jedenfalls der Bau der neuen Reichsbrücke eine Verzögerung.

 

Am Sonntag, dem 21. Juni 1936 gab "Das Kleine Blatt" bekannt:

                                   

                              Vierzig Arbeiter zerschneiden das Wrack der "Wien"

Über die bisherigen Bergungsarbeiten am Wrack des Dampfers "Wien" teilt die D o n a u - D a m p f s c h i f f a h r t s - G e s e l l s c h f t folgendes mit:

Die P i o n i e r a b t e i l u n g des Bundesheeres, die die Sicherung und Vertäuung des Wracks des Dampfers "Wien" am Pfeiler der alten Reichsbrücke durchgeführt hatte, wurde abgezogen. Die eigentliche Bergung besorgen nun Organe der Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft unter Oberleitung der zuständigen Dezernenten und des Vorstandes der Werft Korneuburg.

Zunächst werden die o b e r  W a s s e r  befindlichen Teile des Wracks entfernt. Schiffszimmerleute räumen die hölzernen Bestandteile ab. Die eisernen Konstruktionen werden autogen zerschnitten und abgetragen. Vierzig Werkleute sind täglich, auch am Sonntag, bis zum Einbruch der Dunkelheit tätig. Z w e i  S c h l e p p e r  der Gesellschaft und z w e i  T r a u n e r  Der Bundesstrombauleitung liegen am Wrack. Sie dienen zur Ablagerung der Geräte, der geborgenen Güter und der abgetragenen Schiffsteile.

Die Arbeiten des T a u c h e r s  zwecks Untersuchung des Schiffsinneren hatten bisher kein Ergebnis. Da niemand gefunden wurde, ist anzunehmen, daß alle sechs Vermißten von den Wellen des Stromes fortgeschwemmt wurden.

Die Bergungsarbeiten werden bei Absinken des Wasserstandes beschleunigt werden. Es wird dann auch möglich sein, d i e  M a s c h i n e  s i c h e r z u s t e l l e n. Die Lage des K e s s e l s, der aus dem Schiffskörper herausgefallen ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Die gänzliche Abtragung der Trümmer des Schiffskörpers wird mittels Hebezeugen besorgt werden.

                         Die bei Theben geborgene Leiche nicht agnoßziert.

Bei T h e b e n  wurde vorgestern die Leiche einer unbekannten Frau aus der Donau gezogen. Es bestand die Vermutung, daß die Tote mit der ertrunkenen Schiffsköchin Nitzi A b r a n o v i c  vom Dampfer "Wien" identisch sei. Ihr Bruder hat sich nach Theben begeben, um die geborgene Frauenleiche zu agnoßzieren; es stellte sich es stellte sich aber heraus, daß die Tote n i c h t  mit seiner seit dem Schiffsunglück vermißten Schwester identisch ist.

 

 

 

                                                                    Schiffshavarie auf der Donau

                                  Österreichs letzter Raddampfer gerammt!

 

Am 23.07.2009 kollidierte das unter italienischer Flagge fahrende Ausflugsschiff "AVALON TRANQUILITY" in der Nacht bei einem Wendemanöver in Linz aus noch ungeklärter Ursache mit dem am Urfahraner Ufer vertäuten Dampfschiff "SCHÖNBRUNN". Durch den heftigen Anprall wurde der letzte österreichische Raddampfer gleich fünfzehn Meter stromabwärts versetzt und auf einer Länge von 15 Metern stark beschädigt. Die Küche wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, alte Lampen, die in ihrer ursprünglichen Form heute nicht mehr zu bekommen sind, gingen zu Bruch. Obwohl dabei zwei Stahlseile rissen waren die verbliebenen stark genug um ein Abtreiben des Schiffes zu verhindern. Da die "Schönbrunn" nur oberhalb der Wasserlinie beschädigt wurde, kam es zu keinem Wassereintritt. Personen kamen bei dem Unglück nicht zu Schaden, das italienische Schiff wies nur geringe Beschädigungen am Schiffsrumpf auf. Ihr Bugscheinwerfer wurde abgerissen und fand seinen neuen Standort im Salon der "Schönbrunn". Vom Eigentümer, der österreichische Gesellschaft für Eisenbahngeschichte, wurde der Auftrag erteilt den Dampfer in die Linzer Schiffswerft zu schleppen und ihn dort genau untersuchen zu lassen. Voraussichtlich dürfte die "Schönbrunn" für die heurige und auch für die kommende Saison ausfallen.

 

                        

Bilder von links nach rechts: "Schönbrunn" bei ihrer Anlegstelle am linken Ufer, zusammen mit "Traisen". Der wahrscheinliche Verursacher "AVALON TRANQUILITY" nach dem Unfall zu Tal nach Linz. Vom Salon hat man einen schönen Ausblick aufs Wasser. Ankunft in der Werft, wo das Schiff einen erbärmlichen Anblick zeigte. (Bild 1 Sammlung Feher, Bild 2- 5 Sammlung Steindl).

                         

Das gesamte Schadensausmaß auf der "Schönbrunn" wurde erst beim Einlauf in die Linzer Schiffswerft am 27.07.2009 erkennbar. Das italienische Schiff wies nur geringe Beschädigungen am Bug auf. So lag das alte Dampfschiff in Linz für Sonderfahrten bereit. (Alle Bilder Sammlung Feher).

   

                   

 Letzte Bilder der Havarie aus der Sammlung Feher und Steindl. Besonders das erste Foto von der Zillenfahrt spiegelt die dortige Stimmung wider.

 

 

 

                                        "ADMIRAL TEGETTHOFF" auf Grund gelaufen!

Der 23.Juli 2009 ging als einer der schwärzesten Tage in die Annalen der Binnenschifffahrt ein. "ADMIRAL TEGETTHOFF" absolvierte bei Schlechtwetter ihre abendliche Sonderfahrt im Raum Wiens. Plötzlich wurde das Schiff vom starken Sturm bei der Nordbrücke an Land gedrückt, wobei der Heckbereich auf Grund lag. Für die 225 Passagiere bestand keine Gefahr. Sie wurden von der "VINDOBONA" übernommen. " ADMIRAL TEGETTHOFF" wurde in die Linzer Schiffswerft gebracht, wo das Leck und die sonstigen Schäden repariert wurden. Das Schiff fiel für zwei Wochen aus.

                          

  Die ersten drei Bilder aus der Sammlung Steindl zeigen das Leck, die defekten Propeller und die verbogenen Ruder des Schiffes. Auf den nächsten Bildern aus der Sammlung Feher ist die "TEGETTHOFF" am Stapel zu sehen. Die Mannschaft und der Bootsmann überbrücken die Reparaturzeit damit den Lack des Schiffes auszubessern.

                               

              MS "ADMIRAL TEGETTHOFF" aufgedockt in der Linzer Schiffswerft am 27.07. 2009 (Sammlung Feher)

 

 

                                                   

                                                Twin City Liner rammte Böschung

Der Katamaran war am Dienstagnachmittag, dem 28.Juli 2009 um ca. 17.00 Uhr im Donaukanal nach Bratislava unterwegs. Beim Erdberger Steg, kurz vor der Rotundenbrücke, wollte der Kapitän einem treibenden Baumstamm ausweichen. Dabei verlor er kurz die Kontrolle über das Schiff, das gegen die Böschung krachte und dabei mehrere Bäume rammte. Die Passagiere und Crew kam mit dem Schrecken davon und wurde über eine Leiter an Land gebracht. Nach etwa einer Stunde konnten die Fahrgäste ihre Reise per Ersatzbus nach Bratislava fortsetzen. Der Betreiber ließ durch den Firmensprecher Dieter Pietschmann ausrichten, dass die neue Kevlar - Beschichtung der beiden Rümpfe schlimmeres verhindert hat. Das schusssichere Material kommt auch bei Polizeischutzwesten zum Einsatz. Der Betreiber hofft darauf, das Schiff nach einer Inspektion wieder einsetzen zu können.

                            

  Der gestrandete City Liner im Donaukanal. Wieder muss die "VINDOBONA" helfend eingreifen und den Katamaran in den Donaukanal abschleppen. (Alle Fotos aus der Sammlung Chudik).